Ehemalige Bergleute erzählen vom Hausbau in der Nachkriegszeit
Wer heute ein Haus baut, braucht
vor allem eines: Geld. In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, den Jahren,
in denen die Stiftung für Wohnungsbau der Bergarbeiter gegründet wurde, war
Geld nur eines von vielen Problemen. Zweifellos haben die Darlehen der
Stiftung es vielen Bergleuten erst ermöglicht, ein Haus zu bauen. Doch auch
mit dem nötigen Kapital war es besonders in der Nachkriegszeit meist noch
ein steiniger Weg zum eigenen Heim. Drei der ersten Darlehensnehmer der Stiftung,
"Männer der ersten Stunde", erzählen nun, was es in diesen Jahren
hieß, ein Haus zu bauen. Nikolaus Angel, Josef Reiter und Jakob Gall sind
ehemalige Bergleute und befinden sich längst im wohlverdienten Ruhestand. Sie
beschreiben aus eigener Anschauung, unter
welchen Umständen seinerzeit Häuser gebaut wurden, Umstände, die
heute kaum noch vorstellbar sind.
Nikolaus Angel baute sein Haus komplett neu. "Diese Plackerei vergesse ich mein Lebtag
nicht", erzählt Angel heute. "Die Finanzierung war dank des
Darlehens kein so großes Problem, aber bauen mußten wir das Haus. Mein Schwager
und ich brauchten volle zwei Jahre, denn wir machten buchstäblich alles von
Hand. Die Baugrube schachteten wir mit Schippe und Schubkarre aus und das war
erst der Anfang. Dann holten wir uns eine Genehmigung und fuhren zu einem
nahegelegenen Steinbruch, um dort Steine für das Haus zu brechen. Dort
verbrachten wir erstmal Tage damit, brauchbares Gestein freizulegen. Wir
brachen die Steine mit Hämmern und Keilen, denn wir durften nicht sprengen.
Ein Bekannter fuhr die unbehauenen Steine zum Bauplatz, wo wir sie zurechtschlugen
und verbauten". Nicht minder mühselig beschafften sich Angel und sein Schwager
die Backsteine, die sie brauchten: "Die Backsteine brachen wir aus Ruinen
in der Nähe des Neunkircher Eisenwerks. Mit dem Schubkarren fuhren wir die
Steine dann nach Welschbach. Ein Teil des Gebälks machte ich selbst, alles übrige
kaufte ich. Ich erledigte das alles neben meiner regulären Arbeit als
Bergmann, die weiß Gott nicht leicht war. Einen Großteil meines Lohns gab ich
damals fürs Essen aus. Das war unumgänglich, denn andernfalls hätte ich die
Arbeit nicht durchgehalten".
Auch Josef Reiters Probleme lagen nicht im Bereich
der Finanzierung. Er kaufte sein Haus von den Schwiegereltern und baute es um:
"Die eigentlichen Schwierigkeiten begannen mit dem Bau", erzählt
Josef Reiter. "Damals gab es ja keine Baumärkte und Baustoffe waren rar.
Glücklicherweise wurde seinerzeit auf der Grube Itzenplitz gerade ein Gebäude
abgerissen und der Bausteiger erlaubte mir, Steine aus dem Schutt
herauszusuchen. Also fuhren mein Bruder und ich nach Itzenplitz und luden einen
Waggon voll Steine. Mit der Eisenbahn wurde er dann zu einem Bahnhof in der Nähe
des Hauses gebracht. Von dort aus transportierten wir die Steine selbst, das
war ein hartes Stück Arbeit
Gebälk
und Zieger konnte ich dank guter Beziehungen besorgen und als später noch
Steine fehlten, machte ich sie einfach selbst. Das war durchaus üblich,
damals. Die größeren Bauarbeiten konnten wir mit Hilfe von Verwandten und
Bekannten innerhalb von vier Wochen erledigen.
Allerdings mußten wir eine Menge Material und Dienstleistungen mit Speck, Fett und anderen Naturalien bezahlen. Die waren zu der Zeit wertvoller als Geld. Da kam es uns sehr zustatten, daß wir noch eine kleine Landwirtschaft betrieben"
Jakob Gall, der als Partiemann auf der Grube Velsen
arbeitete, erhielt das zweite Darlehen, das die Stiftung Wohnungsbau der Bergarbeiter überhaupt
vecgab. "Das Haus in dem wir heute wohnen, diente meinen Schwiegereltern
ursprünglich als Stall und Scheune. Ich kaufte ihnen das Haus ab, für 14.000
Francs", sagt Gall. "Daß damals gerade die Stiftung gegründet
wurde, war ein großer Glücksfall für mich. Das Darlehen war eine
phantastische Sache, ich hab es zurückgezahlt, ohne daß ich viel davon
gemerkt hätte. Als Partiemann verdiente ich 25.000 Francs im Monat, da fiel
die monatliche Tilgungsrate von 6.000 Francs nicht sehr ins Gewicht. Trotzdem
war der Umbau kein Kinderspiel, denn ich mußte das alles ja nach der Schicht
erledigen. Also war an Feierabend nicht zu denken, das Haus mußte gebaut
werden und zudem betrieben wir noch eine kleine Landwirtschaft. Da kam es
nicht selten vor, daß ich 16 oder mehr Stunden täglich arbeitete. Wir lebten
damals völlig anders als man das heute kennt. Wir hatten nie Probleme mit der
Freizeitgestaltung, denn es gab auch nach der Schicht genug zu tun. Die Tage waren kaum lang genug, um die Arbeit zu
schaffen.
Olaf Jenewein